Ich und all die unendlich vielen fühlenden Wesen sind von Anfang an erleuchtet.
Im Bewusstsein, dass dem so ist, entwickle ich höchstes Bodhicitta
Longchenpa (1308–1363)

 

 

Wenn wir der Lehre folgen, übernehmen wir Verantwortung für die Lehre und die Übertragung. Zu einer Belehrung gehen ist nicht dasselbe wie ins Theater gehen. Wenn wir ins Theater gehen, sehen wir eine Vorstellung an und haben Freude daran, und später reden wir dann vielleicht darüber, wie gut es uns gefallen hat. Das ist alles, wir haben dabei nicht viel Verantwortung.

Der Lehrer überträgt mit den Lehren Wissen, das wir anwenden sollten. Die Gruppe von Menschen, die den Lehren folgen, nennen wir Sangha. Allgemein gesprochen gibt es in den buddhistischen Lehren Buddha, Dharma und Sangha. Was bedeutet Sangha? Sangha sind die Menschen, die der Lehre des Buddha folgen, und diese Lehre wird Dharma genannt. Die Lehre kommt von Buddha, und so zollen wir Buddha, Dharma und Sangha unsere Anerkennung, wir wenden den Dharma an und machen uns auf den Weg. Uns auf den Weg machen bedeutet, wir versuchen, uns von Samsara zu befreien. Der Sangha ist also immer so etwas wie ein Boot. In einem Boot sind viele Menschen, die irgendwo hinfahren. Wir reisen in einem Boot über einen Ozean oder einen See und kommen irgendwo an. Im allgemeinen sprechen wir vom Ozean von Samsara. Auf dem Ozean sind viele Boote, die sich auf die Reise begeben haben und den Ozean überqueren wollen. Das Boot, mit dem wir reisen, ist der Sangha von Dharma und Buddha.

Wann wir auf der anderen Seite des Ozeans ankommen, hängt davon ab, welcher Methode wir folgen und wie wir dabei vorgehen. Auch die Dzogchen Lehren sind eine Art von Boot. Als ich angefangen habe zu lehren, ist ein neues Boot entstanden. Ich bin nicht ins Theater gegangen oder in einen öffentlichen Saal, um irgendeine Art von Vortrag zu halten, sondern um Dzogchen Belehrungen zu übertragen. Von Anfang an, seit ich 1966 mit dem Lehren begonnen habe, bis zum heutigen Tag gebe ich kontinuierlich die Lehren weiter an Menschen, die dieses Boot besteigen und den Ozean von Samsara überqueren wollen. Das nennen wir Santi Maha Sangha. (…)

Die wirkliche Bedeutung der Dzogchen Gemeinschaft besteht in den Lehren, in der Übertragung und darin, wie wir mit den Menschen, die daran interessiert sind, in Verbindung treten. Darum bete ich immer dafür, dass alle miteinander zusammenarbeiten. Zusammenarbeit ist von größter Wichtigkeit, um Wissen zu erlangen und verstehen zu können. Wenn wir im gleichen Boot sitzen und etwas nicht wissen, können wir es von jemand anderen lernen. Sie oder er wissen irgendetwas nicht, das ich weiß, also kann ich sie informieren und mit ihnen zusammenarbeiten und wir können zusammen Wissen erlangen. Aus diesem Grund haben wir auch Treffen von Praktizierenden, bei denen kollektive Praxis geübt wird.

Chögyal Namkhai Norbu – Das Überqueren des Ozeans von Samsara, Oster Retreat, Tashigar, Argentina, 1999

Die Natur der Dzogchen Gemeinschaft

Die Dzogchen Gemeinschaft ist eine breite Vereinigung von Menschen, die durch das gemeinsame Interesse an den Lehren von Dzogchen Ati zusammen gekommen sind; die den Lehren folgen unter der Anleitung eines Meisters, der authentisches Wissen vom Zustand von Dzogchen hat; die die Tantras, Lungs und Upadeshas studieren und praktizieren, jede/r entsprechend seinen (oder ihren) Fähigkeiten; und die Umstände schaffen und fördern, die für das Ausüben dieser Aktivitäten notwendig sind.

Es ist offensichtlich, dass alle, die an den Lehren interessiert sind und mit denen, die die Lehren bewahren, zusammenarbeiten wollen, automatisch zur Dzogchen Gemeinschaft gehören. Auf der anderen Seite gilt, dass diejenigen, die mit der Gemeinschaft nur auf freundschaftlicher Basis verbunden sind; oder die ihre Zeit mit Zerstreuung verbringen wollen; oder die in Wahrheit überhaupt kein Interesse an den Lehren haben und an denen, die sie bewahren, nicht als Dzogchen Praktizierende betrachtet werden können, auch wenn die für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft vorgeschriebene Zeitspanne erreicht worden ist, jetzt oder bereits vor langer Zeit.

Es ist vorgekommen, dass Menschen zu mir gesagt haben: “Ich will nicht Mitglied der Gemeinschaft werden, ich möchte sie verlassen, aber ich werde versuchen, das Dzogchen, das Du mich gelehrt hast, zu praktizieren und ich hoffe, dass ich in Zukunft wieder von Dir Belehrungen erhalten kann”. Solche Worte zeugen ganz offensichtlich davon, dass jemand die Dzogchen Gemeinschaft mit einer bestimmten Gruppe von Menschen identifiziert, denn der Grund für eine solche Aussage ist eigentlich das Problem, dass man mit einigen Mitgliedern der Gemeinschaft in Konflikt geraten ist. Aber wie kommt man darauf, dass einige Menschen, mit denen man einen Konflikt hat, die gesamte Dzogchen Gemeinschaft repräsentieren können? Jedes einzelne Individuum ist Ursache von Konflikten, und wenn wir als Individuen unsere Beziehung zu anderen verbessern und daran arbeiten, unsere Spannungen zu vermindern, dann werden sich infolgedessen mit Sicherheit auch alle Konflikte und Spannungen von selbst beruhigen.

Shantideva hat zu diesem Thema gesagt: “Wessen Geist voller Hass ist, der wird immer weiter Irritationen erfahren. Es wird jedoch sehr schwierig sein zu versuchen, alle, die diese Irritationen hervorrufen, zu überwinden. Daher ist es besser, wenn man sich daran macht, seinen eigenen Geist zu überwinden. Dann ist man wie ein Mensch, der Schuhe mit guten Ledersohlen hat und damit überallhin laufen kann.” Wenn jemand die Dzogchen Gemeinschaft als normalen Verein ansieht und sie wegen ein paar Konflikten verlässt, um sich einem anderen Verein anzuschließen, dann gibt es keine Garantie dafür, dass, solange er seine eigenen Spannungen nicht aufgelöst hat, er den neuen Verein nicht früher oder später auch verlassen will. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass das passieren wird.

Tatsächlich wird die Dzogchen Gemeinschaft in erster Linie durch die Lehren eines authentischen Meisters repräsentiert, der sie bewahrt, und in zweiter Linie durch diejenigen Menschen, die sich für diese Lehren interessieren; die entsprechend ihrer individuellen Fähigkeit die Dzogchen Tantras, Lungs und Upadeshas studieren und dazu alle Wissensbereiche, die mit den Lehren zusammenhängen; die versuchen, ihr Verständnis, so gut es geht, anzuwenden; die zusammenarbeiten, um die wichtigsten Grundlagen zu schaffen, die zur Verfolgung dieser Ziele notwendig sind; und die ihr bestes geben bei jeder Art von Arbeit und dabei durch ihre eigene spontane Bereitschaft motiviert sind und nicht nur, weil sie von irgend jemand aufgefordert wurden. So sollte die Natur der Dzogchen Gemeinschaft in Wirklichkeit aussehen.

The Dzogchen Community, Principles and Guidelines for Practicioners and Gakyil Members, 2001
 

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